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Stuttgart aktuell

Zuallererst:
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Kulturquartier neu gedacht

Das Stuttgarter Kulturquartier um die Schlösser und die Adenauer-Straße hat Luft nach oben, obwohl es in dieser Dichte seinesgleichen sucht. Die Institutionen an Schiller- und Schlossplatz haben freilich eine Premiumlage, anders aber sieht es an der sogenannten Kulturmeile aus. Die Stadtautobahn teilt die Stadt an dieser Stelle. Darüber ärgern sich etliche Bürger, aber noch mehr wollen hier ungebremst durchfahren. Eine Straße und verschiedene Ansprüche. Was sticht ins Auge und was nicht? Krass ist die seit Jahrzehnten kritisierte Betonwand des Kulissengebäudes, für das es dennoch nie einen Kübel Farbe gab. Nicht mal jetzt, wo niveauvolle Graffiti die Stadt erobern, tut sich an dem Scheusal was. Fast genauso traurig ist das Staatsarchiv im Straßenbild, obwohl das Gebäude von innen durchaus spannend ist. Der Altbau der Landesbibliothek ist auch keine Schönheit, aber der Neubau des Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei hat dem Areal eine menschliche Note gegeben, wie schon bei anderen Projekten in der Stadt. Ganz nebenbei hat Stuttgart auch den traurigsten aller Landtage in Deutschland. Eine Wohltat hingegen sind die Stirling-Bauten und als historische Eckpfeiler das Alte Waisenhaus, das Katharinenstift, die Alte Staatsgalerie und das Wilhelmspalais. Mittendrin die Oper, an deren Jugendstilvordach der Verkehr vorbeirauscht. Die Oper braucht definitiv mehr Abstand zur Straße.

Nun ist solch eine mehrspurige Straße in einer Großstadt keine Besonderheit, auch wenn es manch Hauptstadtschwabe so empfindet. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sie wenigstens etwas verschlankt wird. Die hauptsächliche Frage aber bleibt: Wie lockt man Menschen dorthin, vor allem auf die östliche Seite? Welche Möglichkeiten gibt es, die nicht viele Millionen Euro kosten?

Menschen lassen sich mit Hochkultur locken, aber es bedarf auch einer offenen Kultur vor den heiligen Mauern der Kunst. Ich würde die „Kulturterrassen“ bewerben, die sich wie ein Perlenschnur zwischen StaGa und LaBi hinziehen. Warum macht man daraus so wenig?

Von März bis Oktober könnte dort einmal im Monat an einem Sonntag ein überregionaler Kunsthandwerkermarkt stattfinden und als Gegenstück dazu im Wechsel eine große Antikmeile. Wichtig wäre, die Standgebühren recht gering zu halten, um möglichst viele Händler anzulocken. Schnell würde Stuttgart ein Zentrum für beide Marktgenres. Zudem würde man am Sonntag die Innenstadt beleben und der Verkehrslärm ist dann auch deutlich geringer an der Hauptstraße.

Eine Attraktion könnte auch sein, den Flohmarkt an den Eckensee zu verlegen. Wasser gebiert Atmosphäre, wie man beim Flohmarkt am Frankfurter Mainufer sieht. Das würde zudem helfen, die überhand genommene Gänseschar zu vergrämen, vielleicht auch wenig gesellschaftsfähige Bevölkerungsgruppen.

Im Umkehrschluss könnte der Karlsplatz samstags mehr kleine Veranstaltungen aufnehmen: Einen großen Büchermarkt zweimal im Jahr, ein großes Vinyltreffen (Schallplatten) ebenso und ein französisches Dorf, dem immer noch viele nachtrauern, nachdem man auf den Wasen-Jahrmärkten lieber Hüttenhalligali wollte. Gerade unter den Kastanien wäre ein wenig Flair unserer Nationalnachbarn wünschenswert, vielleicht sogar unter Einbindung der Partnerstadt Straßburg.

Toll wäre auch ein Einheitsbillet für die Adenauer-Häuser an der Ostseite, das zwei Tage lang gilt und somit mehr Menschen auf die „Schattenseite“ locken könnte und auch Kulturtouristen für ein Wochenende. Vieles ist machbar, aber man braucht eben Fantasie und an der hat es bei Stadt und Land meist gemangelt, wenn es um dieses Stuttgarter Juwel ging.

Etwas vergessen kommen die kleinen Museen daher. Das römische Lapidarium im Keller des Neuen Schlosses zum Beispiel. Wieso stellt man nicht eine auffällige Römerfigur an die Planie, um auf den versteckten Eingang hinzuweisen? Ähnliches gilt auch für die Stauffenberg-Gedenkstätte. Und wie wäre es wenn eine Linie mit Musiknoten das Pflaster des Schillerplatzes verzieren würde, das auf den Fruchtkasten mit dem Instrumentenmuseum zuführt?

Schon hunderte Male von mir angeführt ist die unterdurchschnittliche Möblierung der Altstadtplätze um die Schlösser. Keine schönen Laternen, Mülleimer und Bänke; die Stadt verkauft sich hier schlecht, im Vergleich mit den Konkurrenzmetropolen. Auf dem Schillerplatz, dem ältesten der Stadt, haben moderne Glaszylinder nichts verloren. Und auch auf dem Schlossplatz wäre deutlich mehr Eleganz wünschenswert.

Unbedingt muss auch der Eckensee überdacht werden, der eine scheußliche Optik hat. Entweder man kehrt zum historischen rundlichen Vorbild zurück oder man fasst die Uferkanten neu mit schönem Naturstein.

Sehr unglücklich sind auch die beiden Stadtteilnamen. „Schlossgarten“ und „Rathaus“ sind dermaßen fehlgeleitete Begriffe, dass es in den Augen brennt. Aus Schlossgarten sollte „Kulturviertel“ und aus Rathaus „Altstadt“ (hier liegt sie wirklich) werden. Freilich muss man an diesen Namensbürden dann auch stetig arbeiten, um sie rechtzufertigen.